
Beteiligung bedeutet bei uns: Manchmal.
Was bereits aufzeigt, dass wir nicht konsequent nach dem handeln, was wir als gesellschaftliche und rechtliche Grundsätze formuliert haben. Denn bereits hier wird ja die Würde des Menschen übergangen. Damit ist es eine Frage menschlicher Willkür. Denn wer wirklich etwas erreichen möchte, findet den Weg nicht über jemanden, sondern mit jemandem. Nicht über den Menschen hinweg. Nicht an ihm vorbei. Sondern gemeinsam mit ihm. Nur das funktioniert.
Wer Entscheidungen über einen anderen Menschen trifft, ohne dessen Rechte, Willen und tatsächliche Lebenssituation angemessen einzubeziehen, bewegt sich damit zumindest in einem rechtlich und ethisch relevanten Spannungsfeld.
Doch genau hier liegt der entscheidende Punkt: Hilfe beginnt nicht damit, über einen Menschen zu entscheiden. Hilfe beginnt damit, mit zu arbeiten. Und genau das ist die Grundlage.
M wie
Mitbestimmung
Wird tatsächlich bestimmt?
Ja, aber inwieweit ist es dann noch das, was dieses Wort eigentlich sagt?
Mehr Schein als Sein.
Wir haben uns ziemlich weit von uns selbst entfernt. Und damit auch von der Wahrheit dessen, was Worte eigentlich bedeuten.
Mitbestimmung ist nur dann gewährleistet, wenn Informationen, Geschehnisse und Zusammenhänge transparent gemacht werden – auch und gerade an den Punkten, die eine Person nicht unmittelbar betreffen.
Denn auch das, was über andere Menschen geschieht, kann Einfluss auf das eigene Leben haben.
Vielleicht sogar erheblichen.
Man muss den Einfluss einer Entscheidung deshalb ganzheitlich betrachten.
Denn eine Entscheidung hat immer Auswirkungen auf weitere Faktoren. Und diese Auswirkungen können auch Menschen betreffen, die an der eigentlichen Entscheidung gar nicht beteiligt wurden.
Ein einfaches Beispiel:
Eltern treffen gemeinsam eine Entscheidung und stellen ihr Kind anschließend vor vollendete Tatsachen. Doch bereits auf dem Weg zu dieser Entscheidung finden unzählige kleine Nuancen statt, in denen Einfluss genommen, bewertet, ausgehandelt und entschieden wird.
Oder in einem Hilfeverlauf werden viele Themen zwischen Erwachsenen besprochen, während das Kind nur das Ergebnis erfährt – mit der Begründung, dass es diese Themen ja gar nicht unmittelbar betreffen.
Aber genau hier beginnt der Denkfehler.
Denn wenn es um das Leben eines Menschen geht, kann nicht nur das unmittelbar Geschehene relevant sein. Auch Entscheidungen, Entwicklungen und Veränderungen, die zunächst über andere Personen laufen, können das eigene Leben beeinflussen.
Das Kind erfährt vielleicht nur:
„Das ist jetzt so.“
Und genau dadurch können wesentliche Elemente eines natürlichen Entwicklungsprozesses verloren gehen.
Denn ein Kind entwickelt sich nicht nur durch das, was ihm unmittelbar widerfährt. Es entwickelt sich auch dadurch, dass es die Möglichkeit erhält, Zusammenhänge zu verstehen, Veränderungen einzuordnen, Entscheidungen nachzuvollziehen und den eigenen Einfluss darauf zu erfahren.
Wenn all das wegfällt und am Ende nur noch das Ergebnis mitgeteilt wird, entsteht keine Mitbestimmung.
Wenn Menschen an einer Entscheidung nicht beteiligt werden und ihnen am Ende lediglich das Ergebnis mitgeteilt wird, entsteht weder echte Mitbestimmung noch eine tragfähige Lösung – für niemanden.
Denn Tragfähigkeit entsteht nicht erst mit dem Ergebnis, sondern bereits im gemeinsamen Prozess dorthin.
Es entsteht Anpassung an eine bereits getroffene Entscheidung.
Anpassung findet dabei nicht nur auf der sichtbaren, sondern auch auf der emotionalen Ebene statt. Und genau diese Anpassungsprozesse können sich über Jahre entwickeln. Wo eigene Bedürfnisse, Gefühle und Wahrnehmungen immer wieder zurückgestellt werden müssen, kann ein emotionaler Mangel entstehen. Hier verweise ich auch auf meine Bachelorarbeit „Mangelnde Berührung als Ursache von Krisen“.
Doch auch der Begriff „Anpassung“ wird häufig verkürzt oder missverständlich verstanden.
Charles Darwin (1809–1882) war ein britischer Naturforscher und gilt als einer der Begründer der modernen Evolutionstheorie. Seine Beobachtungen zeigten unter anderem, wie sich Lebewesen über Generationen an ihre jeweiligen Lebensbedingungen anpassen können. Nicht durch Stärke im Sinne von Macht, Kontrolle oder Durchsetzung, sondern durch die Fähigkeit, unter bestimmten Bedingungen zu bestehen und sich weiterzuentwickeln. Anpassungsfähigkeit bedeutet damit auch Flexibilität.
Später wurden evolutionstheoretische Gedanken gesellschaftlich und politisch als Sozialdarwinismus vereinnahmt. Die Vorstellung, dass sich schlicht der „Stärkere“ durchsetzt, wurde dabei zu einer gesellschaftlichen Rechtfertigung von Hierarchien, Ausgrenzung und Macht. Im Nationalsozialismus wurden solche Vorstellungen aufgegriffen, ideologisch zugespitzt und mit Vorstellungen von „Auslese“ und Ungleichwertigkeit verbunden. Das war jedoch keine neutrale Übertragung von Darwins wissenschaftlicher Theorie, sondern eine politische und ideologische Umdeutung.
Und trotzdem berührt dieser Gedanke eine interessante Frage: Vielleicht liegt Stärke tatsächlich nicht darin, möglichst viel Macht über andere zu besitzen, sondern darin, mit dem Leben umgehen zu können. In der Fähigkeit, flexibel zu bleiben, sich zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen und auf Veränderungen zu reagieren.
Vielleicht wollten wir lange Zeit aber genau etwas anderes glauben. Vielleicht wollten wir glauben, dass Stärke bedeutet, Recht zu haben, sich durchzusetzen, Kontrolle zu besitzen und sich gegenüber anderen behaupten zu können.
Warum?
Manchmal frage ich mich, ob dahinter nicht auch eine emotionale Leere steckt.
Zumindest scheint es mir immer wieder so.
Denn natürlich hat jeder Mensch sein eigenes Päckchen zu tragen. Jeder hat blinde Flecken, Schattenseiten, negative Gedanken oder Gefühle. Die entscheidende Frage ist doch nicht, ob wir diese haben. Die Frage ist, was wir damit machen.
Suchen wir die Ursache ausschließlich im Außen?
Oder übernehmen wir Verantwortung für unseren eigenen Anteil und beginnen, der Sache wirklich nachzugehen?
Denn wenn wir das tun, kommen wir unweigerlich auch zu unserem eigenen Inneren. Zu den eigenen Erfahrungen, Prägungen, Verletzungen, Bedürfnissen und Entscheidungen. Ich habe genau diesen Weg selbst unzählige Male durchlaufen, durchgebissen und bearbeitet.
Und vielleicht ist genau das der einzige Fehler, den ich nicht für einen anderen Menschen korrigieren kann: Wie er jeden einzelnen Tag handelt.
Denn das liegt in den eigenen Händen.
Ich habe viel getan und viel gegeben. Aber auch eine Jugendhilfe kann an einen Punkt kommen, an dem sie nicht mehr weiterkommt, wenn das Gegenüber nicht bereit ist, sich selbst zu bewegen. Wenn das eigene Ego – wie es teilweise selbst beschrieben wird – aus dem vermeintlich Privaten mitgebracht wird und dort bleibt, wo es nicht mehr um Entwicklung, sondern um die Verteidigung des eigenen Standpunktes geht.
Vielleicht liegt genau darin eine unserer größeren gesellschaftlichen Herausforderungen: Wir Menschen sind nicht besonders gut darin, ehrlich mit uns selbst zu sein.
Und wenn wir wirklich wollen, dass Deutschland leichter, menschlicher, entspannter und zugleich zukunftsfähiger wird, dann müssen wir vielleicht genau dort anfangen.
Nicht bei der Frage, wie wir Menschen noch besser kontrollieren, anpassen oder verwalten können.
Sondern bei den Bedürfnissen des Menschen.
Bei Beziehung. Sicherheit. Zugehörigkeit. Selbstwirksamkeit. Entwicklung. Sinn.
Denn nur das, was wirklich im Menschen ankommt, kann auch langfristig Früchte tragen.





Denn es ist recht einfach zu sagen: „Du darfst mitbestimmen.“
Wenn aber vorher entschieden wird, was jemand wissen darf, welche Informationen er erhält und welche Zusammenhänge ihm zugänglich gemacht werden, ist die tatsächliche Mitbestimmung bereits begrenzt.
Gleichzeitig wird dadurch ein Bild erzeugt und ein Handlungsspielraum vorgegeben, der möglicherweise gar nicht der tatsächlichen Situation entspricht.
Man kann also durch die Auswahl dessen, was man einem Menschen erzählt – oder eben nicht erzählt – Mitbestimmung scheinbar gewährleisten und gleichzeitig verhindern, was wirklich mitbestimmt werden kann.
Und genau deshalb reicht es nicht aus zu fragen: „Wurde die Person beteiligt?“
Die eigentliche Frage müsste lauten: „Wurde die Person in all das einbezogen, was ihr Leben betrifft – auch dann, wenn die Entscheidung nicht unmittelbar mit ihr getroffen wurde?“
Denn sobald es um einen Menschen und sein Leben geht, muss dieser Mensch in die Prozesse einbezogen werden, die sein Leben betreffen.
Ein aktuelles Thema in unserer Gesellschaft ist deshalb die willkürliche Einbeziehung von Kindern und jungen Menschen.
Jeder Erwachsene entscheidet nach seinem eigenen Ermessen, wann ein Kind einbezogen wird, was es wissen darf, wann seine Meinung gehört wird und wann nicht.
Ein blinder Fleck. Eine Willkür. Unser Ego.
Und vor allem fehlt häufig eine Möglichkeit, diese Willkür tatsächlich zu überprüfen.
Prävention kann deshalb helfen, Willkür zu reduzieren. Aber dafür müssen wir zunächst verstehen, woher Willkür überhaupt entsteht.
Denn Willkür bedeutet nicht, dass ein Mensch völlig ohne Einfluss seiner eigenen Gefühle handelt.
Im Gegenteil. Unser Wille ist mit unserer eigenen Beschaffenheit, unseren Erfahrungen, Prägungen und Emotionen verbunden. Wir können nicht einfach so tun, als würden wir völlig frei von all dem entscheiden.
Was möglich ist, ist etwas anderes:
Sich der eigenen Emotionen bewusst zu sein.
Und anschließend zu erkennen, wann wir aus Angst, aus einem Bedürfnis nach Kontrolle oder aus unserem Ego heraus handeln – und wann eine Entscheidung tatsächlich aus einer bewussten Auseinandersetzung mit der Situation entsteht.
Dabei kann auch eine Entscheidung, die aus einem eigenen Bedürfnis heraus getroffen wird, richtig sein.
Entscheidend ist, dass wir wissen, warum wir sie treffen.
Die Kommunikation darüber, was mich zu einer Entscheidung bewegt hat und wie ich mich dabei fühle, ist deshalb ein Grundsatz echter Mitbestimmung.
Denn wenn ich beispielsweise aus Angst Informationen zurückhalte, dann geschieht das nicht aus einem geklärten Handeln heraus. Dann wirkt ein inneres Thema auf meine Entscheidung ein.
Zudem ist die emotionale Ebene dabei von entscheidender Bedeutung. Denn bevor ein Verhalten sichtbar wird, entsteht es bereits in uns: in unseren Bedürfnissen, Ängsten, Prägungen und in der Art, wie wir eine Situation wahrnehmen und bewerten.
Entscheidend ist deshalb nicht, ob ein Mensch Emotionen hat, sondern wie bewusst er mit ihnen umgeht und wie stark seine Entscheidungen von ihnen beeinflusst werden.
Ein Mensch kann beispielsweise aus Angst handeln und deshalb Informationen zurückhalten. Er kann aus dem Bedürfnis nach Kontrolle entscheiden oder aus dem Wunsch heraus, eine Situation so zu gestalten, dass sie für ihn selbst leichter wird oder bleibt.
Das bedeutet nicht automatisch, dass seine Entscheidung falsch ist. Aber es bedeutet, dass die eigene innere Ebene Einfluss auf die Entscheidung nimmt.
Genau hier beginnt eine Frage nach grenzverletzendem Verhalten.
Grenzverletzendes Verhalten beginnt nicht erst dort, wo eine Grenze sichtbar überschritten wird. Es kann bereits dort beginnen:
Wo ich mein eigenes Bedürfnis auf Kosten eines anderen Menschen befriedige.
Dazu gehört auch das Ego – unser eigenes „Ich“.
Dieses „Ich“ steht ständig vor der Aufgabe, zwischen eigenen Bedürfnissen, inneren Impulsen und dem abzuwägen, was für einen selbst und für andere Menschen stimmig ist. In psychologischer Betrachtung lässt sich das beispielsweise als Spannungsfeld zwischen Es und Über-Ich beschreiben. In meinem Verständnis lässt es sich ebenso als ein Spannungsfeld zwischen dem Elementaren und dem Schöpferischen betrachten.
Entscheidend ist dabei nicht, welches Modell wir verwenden.
Entscheidend ist, ob wir überhaupt wahrnehmen, was uns zu einer Entscheidung bewegt. Denn wenn diese innere Ebene nicht betrachtet wird, kann das eigene Bedürfnis unbemerkt zum Maßstab für die Entscheidung über einen anderen Menschen werden.
Und genau hier wird Mitbestimmung wesentlich.
Wenn ein Mensch nur das Ergebnis einer Entscheidung erfährt, aber weder die relevanten Informationen noch die Zusammenhänge oder den Entscheidungsprozess kennt, kann er keinen wirklichen Einfluss nehmen.
Dann findet keine echte Mitbestimmung statt.
Es entsteht vielmehr ein egozentriertes Handeln, bei dem die Perspektive desjenigen, der entscheidet, zum Maßstab für den anderen wird.
Das kann kurzfristig funktionieren.
Langfristig jedoch bindet es, anstatt zu tragen.
Denn wer immer wieder Entscheidungen über andere trifft, ohne die eigene innere Ebene zu hinterfragen und ohne den anderen Menschen in die ihn betreffenden Prozesse einzubeziehen, nimmt ihm nicht nur eine Entscheidung ab. Er nimmt nicht nur dem anderen Menschen die Möglichkeit, sich selbst zu erfahren, Zusammenhänge zu verstehen, einen eigenen Ausdruck zu entwickeln und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.
Er nimmt auch sich selbst diese Möglichkeit. Denn jedes Handeln ist immer auch ein Handeln an sich selbst.
Wenn ich über einen anderen Menschen entscheide, ohne ihn einzubeziehen, verändere ich nicht nur dessen Handlungsspielraum. Ich verändere auch meine eigene Haltung. Ich übe ein, über andere zu bestimmen, anstatt mit ihnen in Beziehung zu treten. Ich bestätige mir selbst, dass meine Perspektive ausreicht und dass ich die Sicht des anderen nicht brauche.
Damit begrenze ich nicht nur den anderen. Ich begrenze auch mich selbst. Denn jeder Mensch entwickelt sich auch durch die Art und Weise, wie er mit anderen Menschen umgeht. Wer über andere hinweg entscheidet, nimmt sich selbst die Möglichkeit, wirklich zu verstehen, zu lernen, sich zu verändern und in Beziehung zu wachsen.
Jedes Handeln wirkt nach außen und gleichzeitig nach innen.
Und genau deshalb ist Mitbestimmung nicht nur eine Frage von Beteiligung.
Sie ist eine Frage von innerer Haltung, Transparenz und Verantwortung.
Der freie Wille eines Menschen ist unantastbar.
Das gilt auch für Kinder und junge Menschen. (Ps. du warst auch eins)
Und dabei spreche ich ausdrücklich nicht von der Frage, ob es heute Schokolade gibt oder ob jemand ins Bett gehen muss.
Ich spreche von grundlegenden Entscheidungen, die das Leben eines jungen Menschen betreffen.
Erwachsene handeln dabei häufig aus ihrer eigenen Position heraus – mit der Überzeugung:
„Ich weiß, was gut und richtig ist.“
Doch ohne innere Arbeit bleiben die eigenen Prägungen, Defizite, Glaubenssätze und unbewussten Blockaden häufig unsichtbar.
Genau diese beeinflussen aber, welche Möglichkeiten wir anderen zugestehen.
Und so findet das Nicht-Einbeziehen von Kindern und jungen Menschen nicht nur vereinzelt statt.
Durch unsere gegenwärtige Haltung und die noch immer wirksamen Muster Schwarzer Pädagogik – also Machtdenken, Hierarchien und die Vorstellung, dass Erwachsene grundsätzlich wissen, was für Kinder richtig ist – handeln wir langfristig möglicherweise nicht für eine tragende Zukunft, sondern für eine gebundene Zukunft.
Denn solange Kinder nicht als gleichberechtigte Menschen gesehen werden, werden Entscheidungen über Kinder getroffen – anstatt mit ihnen.
Und genau dort entstehen Fragen nach Macht, Verantwortung und letztlich auch nach Missbrauch.
Solange ein Mensch sich über einen anderen stellt, weil er die eigenen Defizite nicht sehen will, wird er unweigerlich Teil eines Systems, in dem Missbrauch möglich bleibt.
Wie kann das sein?
Und was sagen die Kinder?
„Ah, da kommt dann der Kinderschutz.“
Aber ist es wirklich Kinderschutz, wenn an die Stelle von Beteiligung der Erwachsene tritt, der entscheidet, wer beteiligt wird, woran beteiligt wird und wie weit Mitbestimmung gehen darf?
Denn dann stellt sich die entscheidende Frage:
Wer bestimmt eigentlich über die Mitbestimmung?

Solange sich dein Denken um Kontrolle dreht, besteht die Gefahr, dass du dich nicht nur anderen gegenüber missbräuchlich verhältst, sondern auch deinem eigenen Kind gegenüber.
Kinder und junge Menschen sind nicht einfach die „Schwächeren“ des Erwachsenen. Sie sind die andere Seite – der Gegenpart des Erwachsenen im Leben und auch in seinem Inneren.
Wenn ihr nur euch selbst seht, seht ihr nur die Hälfte.
Und wer nur die Hälfte sieht, kann auch nur die Hälfte verstehen.
Damit werden nicht nur Kinder begrenzt. Auch der Erwachsene nimmt sich selbst die Möglichkeit, die andere Seite wahrzunehmen, von ihr zu lernen und sich durch Beziehung weiterzuentwickeln.
Wer nur sich selbst sieht, wird Teil eines Systems, in dem der andere zum Mittel für die eigenen Bedürfnisse, Ängste oder Kontrolle werden kann. Und genau dort kann Missbrauch beginnen: wenn ein Mensch den anderen für sich benutzt, anstatt ihm als eigenständigem Menschen zu begegnen.
Und genau deshalb tragen wir Verantwortung – nicht nur für das, was wir mit Kindern "tun", sondern auch dafür, welches System wir durch unser Handeln erhalten.
Ein Mensch wird zum Gegenstand einer Entscheidung, anstatt Teil des Entscheidungsprozesses zu sein.
Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob die Entscheidung gut gemeint ist.
Denn auch eine gut gemeinte Entscheidung kann einen Menschen ausschließen.
Und genau deshalb reicht die Absicht allein nicht aus.
Hier kommt ein konkretes Beispiel aus der Arbeit hin.
Aktuell soll ich noch einmal eine Zusammenfassung an den SGL Netzwerk Kinderschutz und Frühe Hilfen senden.
Dieser Prozess zieht sich jetzt schon knapp drei Monate. Und dass sich dabei ausgerechnet diejenigen erklären müssen, die sich dafür einsetzen, etwas Gutes zu tun, ist wieder einmal exemplarisch – ebenso wie das Verhalten und der Umgang miteinander.
Interessant ist auch, dass einzelne Träger und Institutionen darüber entscheiden, was innerhalb einer Einrichtung erlaubt ist. Dabei geht es hier meiner Ansicht nach gar nicht um individuelle Gestaltungsfreiheiten oder individuelle Auslegung, sondern um grundlegende Prinzipien.
Wir arbeiten somit also wieder einmal nur für uns selbst – anstatt die grundlegende Frage zu stellen, was für die Kinder und Jugendlichen tatsächlich sinnvoll und notwendig ist.
Kinder zu schützen, geht nicht über Ausschluss oder Abschirmung, die andere für sie bestimmen.
Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Umgang mit Social Media.
Immer wieder heißt es: „Nutzt eure Kinder nicht für Content.“ Jugendämter und andere Institutionen warnen davor, Kinder für öffentliche Inhalte oder Werbung einzusetzen. Der Gedanke dahinter: Kinder sollen geschützt werden.
Aber schauen wir doch einmal genauer hin.
Wir wissen inzwischen, dass Social Media ein Werkzeug ist. Und jedes Werkzeug, das wir nutzen, hängt davon ab, wer es wie benutzt.
Warum also sollte ein Vater nicht mit seinem Sohn ein Video aus der Garage machen, in dem sie gemeinsam ein Möbelstück bauen? Warum sollte ein Kind nicht zeigen dürfen, was es kann, woran es Freude hat oder was es gemeinsam mit seinen Eltern erlebt?
Gleichzeitig sehen wir überall Bilder von Kindern in Werbung, auf Spendenkampagnen oder auf den Seiten von Stiftungen. Dort wird mit dem Bild von Kindern gearbeitet, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und Geld zu sammeln.
Da stellt sich doch eine ziemlich einfache Frage:
Was hat das Kind davon?
Denn vielleicht liegt genau dort der entscheidende Punkt.
Nicht jedes öffentliche Bild eines Kindes ist automatisch Ausbeutung. Und nicht jede Veröffentlichung ist automatisch Schutzverletzung. Entscheidend sollte vielmehr sein, in welchem Zusammenhang das Kind gezeigt wird, wer davon profitiert und welche Bedeutung das für das Kind selbst hat.
Mit dem Leid von Kindern sollte kein Geld gemacht werden.
Aber auch der Alltag eines Kindes, seine Fähigkeiten, seine Freude und seine Beziehung zu seinen Eltern sind nicht automatisch etwas, das verborgen werden muss.
Vielleicht wäre es sinnvoller, nicht nur zu fragen:
„Darf man das?“
Sondern:
„Was hat das Kind davon?“
Und genau hier komme ich wieder zur Kinder- und Jugendhilfe.
Auch sie muss aus ihrer eigenen Bedürftigkeit herauskommen. Sie muss zeigen können, dass sie ein Teil des Hilfesystems rund um eine Familie ist – nicht deren Ersatz.
Und das müsste sich auch in der Praxis zeigen.
Denn wir sprechen sehr viel über Schutz. Aber viel zu wenig darüber, dass institutionelle Hilfe selbst belastend oder sogar traumatisierend wirken kann. Wer lange genug mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, weiß, dass ein Wechsel der Bezugspersonen, Fremdbestimmung, Herausnahme aus vertrauten Beziehungen oder das Leben in Wohngruppen nicht automatisch Heilung bedeutet.
Manchmal erzeugt das Hilfesystem zusätzliche Belastungen und kann selbst zur zusätzlichen Belastung oder Traumatisierung werden.
Das bedeutet nicht, dass Wohngruppen oder Jugendhilfe grundsätzlich falsch sind. Es bedeutet, dass wir genauer hinschauen und an anderer Stelle ansetzen müssen. Und es bedeutet auch, dass eine Umverteilung stattfinden muss.
Hilfe muss Kindern dienen – nicht umgekehrt.
Das Leben hat schließlich viele Facetten.
Und wenn wir wirklich wissen wollen, ob es einem Kind gut geht, was es denkt, was es möchte oder welche Ideen es hat, dann könnten wir tatsächlich eines tun:
Wir könnten es fragen.
Kinder antworten.
Und man kann mit ihnen erstaunlich gut sprechen – wenn man bereit ist, ihnen wirklich zu begegnen. Wenn man nicht nur Fragen stellt, sondern selbst bereit ist, etwas von sich zu zeigen. Wenn Erwachsene nicht ausschließlich aus ihrer professionellen Rolle heraus kommunizieren, sondern auch als Menschen ansprechbar bleiben.
Vielleicht wäre das schon ein Teil von Schutz. Besser Kinderwohl!
Und dann sehe ich wieder ein Bild, mit dem für Pflegefamilien geworben wird. Toll, nicht?
Da wird mit einem Bild von Kindern Aufmerksamkeit erzeugt (Emotionen), um für ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen zu werben (ja kenn wir). Und genau deshalb sollten wir vielleicht aufhören, nur in Kategorien wie „erlaubt“ und „verboten“ zu denken.
Es gibt eine Lösung. Ja, tatsächlich.
Glaube ich zumindest.
Vielleicht wäre ein erster Schritt sogar etwas ganz Einfaches:
Kindern mit Freude etwas beizubringen.
Denn das sind die meisten nicht! Handbremse!
Selbstfürsorge.
Ganzheitliche Gesundheitsfürsorge.
Innere Arbeit.
Mitbestimmung
Und die Prinzipien der offenen Kinder- und Jugendarbeit.
Denn Hilfe darf nicht erst dann greifen, wenn ein Problem so groß geworden ist, dass daraus eine Maßnahme werden muss.
Vielleicht liegt genau darin eine der Schwächen unseres bisherigen Systems.
Unsere Hilfe greift zu wenig in der Pädagogik selbst.
Es wird interveniert, wenn ein Kind auffällig wird. Es werden Hilfen, Diagnosen, Maßnahmen oder Unterbringungen organisiert. Es wird viel über das Kind, seine Bedürfnisse und seine Problemlagen gesprochen. Aber weniger darüber, wie Erwachsene tatsächlich mit Kindern umgehen. Also: Wie wird Beziehung gestaltet? Wie wird Selbstwirksamkeit ermöglicht? Wie werden Grenzen gesetzt? Wie wird mit Konflikten, Emotionen, Fehlern und Mitbestimmung umgegangen? Und vor allem: Was können Erwachsene verändern, damit ein Kind nicht ständig „bearbeitet“ werden muss?
Und das zeichnet sich nicht erst seit gestern ab.
Es zeichnet sich seit Jahren ab – inzwischen seit ungefähr sieben Jahren.
Präventive Hilfen werden abgebaut. Aber warum eigentlich? Ich habe eine Idee – aber was denkt ihr?
Vielleicht sollten wir deshalb nicht immer zuerst fragen, wie wir Kinder stärker kontrollieren, abschirmen oder verwalten können. Helfen.
Vielleicht sollten wir fragen:
Was brauchen Kinder, damit sie sich selbst sicherer bewegen können?
Und vielleicht ist Schutz dann nicht mehr nur etwas, das Erwachsene über Kinder legen.
Sondern etwas, das Kinder gemeinsam mit Erwachsenen entwickeln können.
NA?